Warum dieses Buch heute mehr denn je aktuell ist:
Perspektivenwechsel. El-Mafaalani zeigt, dass wachsende Teilhabe neue Erwartungen und damit auch neue Auseinandersetzungen hervorbringt. Konflikte sind deshalb ein Zeichen erfolgreicher Integration.
Gefahren entstehen dann, wenn eine Gesellschaft ihre Konflikte nicht mehr offen ausdiskutiert. Dazu die Schlussbemerkungen aus heutiger Sicht (Dr. Holger Schmidt-Endres, 26.7.2026)
Zum Autor:
Aladin El-Mafaalani ist ein deutscher Soziologe und Bildungs- bzw. Integrationsforscher, der als Professor für Politikwissenschaft an der Universität Osnabrück lehrt und zuvor u.a. als Integrationsbeauftragter in NRW tätig war. Er genießt breite öffentliche Anerkennung als einer der einflussreichsten deutschen Migrations- und Integrationsforscher.
Das Integrationsparadox
Je erfolgreicher Integration verläuft, desto mehr Menschen
beteiligen sich am gesellschaftlichen Leben. Dadurch entstehen zwangsläufig mehr Diskussionen, Meinungsverschiedenheiten, Verteilungskämpfe und politische Auseinandersetzungen. Konflikte sind Ausdruck einer offenen Gesellschaft, in der unterschiedliche Gruppen ihre Interessen artikulieren und gleichberechtigt vertreten.
Integration ist kein Endzustand
Integration ist kein Ziel, das man erreicht und anschließend abhakt. Sie ist ein fortlaufender gesellschaftlicher Prozess.
Menschen verändern sich im Laufe ihres Lebens. Mit jeder neuen Erfahrung verändern sich auch Erwartungen, Rechte und Interessen. Deshalb entwickelt sich auch Integration ständig weiter.
Integration bedeutet nicht, dass Unterschiede verschwinden. Sie bedeutet, dass Menschen trotz ihrer Unterschiede gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. „Assimilation ist Blödsinn“ .
Konflikte als Zeichen einer offenen Gesellschaft
In einer demokratischen, offenen Gesellschaft sind Konflikte zunächst einmal normal. Wo Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Interessen und Lebensentwürfen zusammenleben, entstehen zwangsläufig Meinungsverschiedenheiten. Entscheidend ist, wie eine Gesellschaft mit Konflikten umgeht. Die Unterdrückung von Konflikten führt zu unkontrollierter, destruktiver Entladung. Statt Konflikte zu fürchten, plädiert El-Mafaalani für eine Streitkultur als “beste Leitkultur” und beklagt das Fehlen einer positiven, inklusiven Zukunftsvision. Niemand darf ausgeschlossen werden. Das gilt auch für Menschen, die nicht die akademische „politisch korrekte Sprache“ gelernt haben, Ostdeutsche oder jene Migranten, die konservativer und religiöser sind als die deutsche Gesellschaft. „Schließungstendenzen“ kommen deshalb nicht nur von rechts.
Das für mich wichtigste Zitat des Buches:
„Das bedeutet auch, dass man entweder eine dicke Haut oder Freude am konstruktiven Streiten entwickeln muss.“
Bildung als Schlüssel zur Integration
Schulen, Hochschulen und Ausbildungsbetriebe sind Orte, an denen Menschen unterschiedlicher Herkunft miteinander in Kontakt kommen. Hier entstehen Freundschaften, Netzwerke und gemeinsame Erfahrungen. Integration vollzieht sich weniger durch Gesetze, als vor allem im Alltag.
Bildung schafft Erwartungen. Spitzenpositionen können nicht beliebig dupliziert werden. Inklusion, Gleichberechtigung oder eine Verbesserung der Teilhabechancen führen zu mehr Dissonanz und Neuaushandlungen.
Identität
Aladin El‑Mafaalani zeigt, dass Menschen heute häufig mehreren Lebenswelten gleichzeitig angehören. Herkunft,
Sprache, Beruf, Familie, Religion oder Freundeskreis prägen die eigene Identität – keine dieser Ebenen muss die andere ausschließen. Gerade in Einwanderungsgesellschaften entsteht deshalb ein vielfältiges Bild. Identität ist nichts Starres. Sie entwickelt sich im Laufe des Lebens. Konflikte entstehen oft dann, wenn Menschen Anerkennung für ihre Mehrfachzugehörigkeit einfordern.
Während manche Vielfalt als Bereicherung empfinden, wünschen sich andere klare kulturelle Grenzen. Genau an dieser Stelle treffen unterschiedliche Vorstellungen von Gesellschaft aufeinander.
Diskriminierung und Chancengleichheit
Mit erfolgreicher Integration wächst nicht nur die Teilhabe, sondern auch die Sensibilität für Ungleichbehandlung. Menschen, die selbstverständlich zur Gesellschaft gehören möchten, vergleichen ihre Chancen mit denen anderer. Eine offene Gesellschaft spricht häufiger über Diskriminierung als eine geschlossene – weil Betroffene ihre Erfahrungen sichtbarer machen und Gehör finden.
„Grundprinzip menschlicher Gemeinschaften: Wenn man ein Problem schon erfolgreich bearbeitet hat und auf einem guten Weg ist, streitet man umso mehr über das kleiner gewordene, verbleibende Restproblem.“
Religion, Islam und öffentliche Debatten
Mit wachsender gesellschaftlicher Teilhabe werden religiöse Gruppen sichtbarer. Dadurch entstehen neue Fragen. Religiöse Vielfalt verlangt Differenzierung statt pauschaler Urteile.
Hoffnung ist wichtig
Gesellschaftlicher Fortschritt gelingt eher mit Zuversicht als mit Untergangsszenarien.
Anmerkungen aus heutiger Sicht:
„Diskursvulnerabilität“:
(= Das Ausschließen bestimmter Themen, Argumente oder Sprecher:innen)
Frauke Rostalski („Die vulnerable Gesellschaft“) analysiert die wachsende gesellschaftliche Vulnerabilität. „Diskursvulnerabilität (..) führt zu Beschneidungen öffentlicher Debatten, indem Themen, Sachargumente und sogar Personen daraus ausgeschlossen werden. Verloren geht dabei die Einsicht, dass Demokratie auch einmal als Zumutung empfunden werden kann“. „Das kann mitunter wehtun. (..) Solche Erfahrungen gehören aber schlicht dazu“.
Jonathan Haidt („The Coddling of the American Mind“) beschreibt, dass Konflikte und Widerspruch zunehmend als Bedrohung erlebt werden und falsche Erwartungen an Bildungseinrichtungen gestellt werden (neue Begriffe sind entstanden wie „microaggression“, „trigger“, „safe spaces“, „speech is violence“). Eine liberale Demokratie benötigt jedoch Bürger, die kontroverse Meinungen aushalten können. „Education should not be intended to make people comfortable; it is meant to make them think.”
Salman Rushdie:
„There is no right not to be offended.“
Positive Zukunftserwartungen:
In seinem aktuellsten Buch („Misstrauensgemeinschaften“) weist El Mafaalani darauf hin, wie notwendig positive Zukunftserwartungen und ein anderer Umgang mit Komplexität für die Verteidigung der Demokratie gegenüber den heutigen Bedrohungen sind. Akzeptieren von Risiken statt staatliches (nicht einhaltbares) Versprechen völliger Sicherheit.