Im Grünen Buchclub wurden diesmal zwei Bücher diskutiert. Hier die Zusammenfassung von Holger.
Julia Friedrichs – Warum Deutschland ungerechter wird (Piper, 2016)
- Ausgangslage und Anliegen
Julia Friedrichs (geb. 1979, Journalistin für ARD, ZDF und Die Zeit, zuvor u. a. „Gestatten: Elite“) beschreibt
den Beginn des größten Vermögenstransfers der deutschen Nachkriegsgeschichte: Die im Wirtschaftswunder
zu Wohlstand gekommene Generation gibt ihr Vermögen weiter – rund 2,5 bis 3 Billionen Euro binnen eines
Jahrzehnts, mehr als ein Drittel des gesamten Nettovermögens privater Haushalte. Ausgangspunkt ist eine
persönliche Beobachtung: Unter ehemaligen Studienkolleginnen und -kollegen, die beruflich ähnlich dastehen,
entstehen plötzlich eklatante Wohlstandsunterschiede – nicht durch Leistung, sondern durch das, was Eltern
„vorgezogen“ vererben oder schenken. Das Buch ist journalistisch-anekdotisch angelegt: Reportagen über
Erbende, Vererbende, Familienunternehmer, Erbstreitigkeiten und Berufsgruppen, die vom Nachlassgeschäft
leben, gerahmt von Daten und Einordnungen (u. a. Piketty, DIW-Vermögensforscher Markus Grabka,
Elitenforscher Michael Hartmann).
- Ausmaß und Verteilung
- Die ärmere Hälfte der Bevölkerung besitzt zusammen nur etwa ein Prozent des Gesamtvermögens, die
reichere Hälfte 99 Prozent; der Großteil konzentriert sich bei den oberen zehn Prozent. - Laut DIW ist die Vermögensungleichheit in Deutschland größer als in den meisten Ländern der Welt;
innerhalb der Eurozone liegt Deutschland an der Spitze, unter den OECD-Staaten wird die Kluft nur in den
USA und der Schweiz noch größer eingeschätzt. - Von den 100 reichsten Deutschen (Manager-Magazin-Liste) hatten zum Erhebungszeitpunkt nur noch 34
ihr Vermögen selbst erarbeitet, 76 hatten es geerbt. - Rund 90 Prozent aller deutschen Unternehmen sind Familienbesitz; sie beschäftigen 55 Prozent aller
Arbeitnehmerinnen und erwirtschaften knapp die Hälfte des Umsatzes – zugleich haben zwei Drittel
Schwierigkeiten bei der Nachfolgeregelung, etwa ein Viertel der Betriebe scheitert daran. - Der Prototyp des deutschen Vermögenden ist laut zitierter Forschung ein älterer, westdeutscher,
männlicher Selbständiger, der von den langen Boomjahren der Bundesrepublik profitierte.
- Steuerpolitische Weichenstellungen
Bis 1996 wurde Vermögen in Deutschland jährlich besteuert (rund 9 Mrd. DM Einnahmen); nach einem
Verfassungsgerichtsurteil zur Ungleichbehandlung von Immobilien- und Geldvermögen schaffte die Regierung
die Steuer 1997 ganz ab, statt sie zu reformieren. 2009 senkte die Große Koalition den Steuersatz auf
Kapitalerträge von 42 auf 25 Prozent (Abgeltungsteuer) und stellte unternehmerisches Vermögen weitgehend
erbschaftsteuerfrei – seither nutzen sogenannte „Cash-GmbHs“ dies gezielt als Steuersparmodell. 2012 rügte
der Bundesfinanzhof diese Überprivilegierung von Unternehmenserben als verfassungswidrig. International
verweist Friedrichs auf den scharfen Kontrast zu früheren US-Nachlasssteuern (bis Ende der 1970er 77
Prozent auf Nachlässe ab 5 Mio. Dollar, heute durch hohe Freibeträge stark ausgehöhlt) sowie auf Schweden,
Österreich und mehrere Schweizer Kantone, die ihre Erbschaftsteuer ganz abgeschafft haben.
Anmerkung zu deiner Notiz: Zur im Buch zitierten Aussage, die britische Erbschaftsteuer betrage pauschal „egal wer
erbt“ 40 Prozent, hast du bereits selbst recherchiert und korrigiert – der Satz gilt nur oberhalb des Freibetrags von
£325.000 (bzw. bis zu £1 Mio. bei Ehepaaren mit vererbtem Wohneigentum an Kinder), Ehepartner sind steuerfrei, und
nur etwa 4–5 % aller Nachlässe sind überhaupt betroffen. Das britische System ist damit strukturell progressiver, als das
Buchzitat suggeriert.
- Haltung der Erben und der Wirtschaftselite
Ein Kernbefund: Der Elitenforscher Michael Hartmann fand in Befragungen von Spitzenkräften, dass
Aufsteiger aus Mittelschicht und Arbeiterklasse höhere Steuern auf Vermögen und Erbschaften mehrheitlich
fair fanden – während Befragte aus reichem Elternhaus sich mit großer Mehrheit dagegen stemmten; dieAblehnung wuchs mit dem Wohlstand der Herkunftsfamilie. Laut Vermögensforscher Grabka herrscht die
Grundhaltung vor, Vermögen „gehöre der Familie“, der Staat solle sich zurückhalten. Zugleich zeigt Friedrichs
anhand vieler Porträts (u. a. „Lars“, „Beate“), dass geerbtes Geld auch mit Scham, Geheimhaltung und dem
Gefühl unverdienten Vorteils einhergeht – ein Motiv, das in den USA prominenter ist (Andrew Carnegies
„Evangelium des Reichtums“, Warren Buffetts und Bill/Melinda Gates‘ „Giving Pledge“) als in Deutschland.
- Gesellschaftliche Folgen
- Erben statt Erarbeiten als neues Verteilungsprinzip: Piketty zufolge könnte der jährliche Erbschaftsstrom
bis 2050 wieder 20–25 % des Volkseinkommens erreichen, vergleichbar mit dem 19. Jahrhundert. - Wohnungsmarkt: Kapitalstarke ältere Käufer treiben Preise, junge Familien ohne familiäres Kapital
können kaum noch Eigenkapital für Immobilien bilden – Freundeskreise spalten sich in „Gewinner“ und
„Verlierer“ des elterlichen Vermögens. - Bildung als Teil des Erbes: Zunehmend kostspielige Privatschulen und Nachhilfe verschieben das alte
Versprechen, dass Bildung nicht vom Einkommen der Eltern abhängen soll. - Ein florierendes „Nachlassgewerbe“ (Betreuer, Notare, Erbanwälte, Nachlassverwalter) wächst mit dem
alternden, reicher werdenden Land – ohne einheitliche Berufsregulierung oder Statistik; allein die
staatlichen Ausgaben für gerichtlich bestellte Betreuer stiegen von 1995 bis 2013 auf über 600 Mio. Euro. - Gesellschaftliches Klima: rund 90 Familienunternehmerfamilien besaßen 2012 zusammen ca. 320 Mrd.
Euro; Ökonomen warnen vor einem „neuen ökonomischen Feudalismus“ und einer eher gelähmten,
unproduktiven Erbengesellschaft.
- Politische Tabuisierung und Fazit des Buches
Friedrichs beschreibt die Erbschaftsteuer als eine der unpopulärsten politischen Positionen überhaupt: Je nach
Umfrage lehnen 50 bis 70 Prozent der Deutschen jede Besteuerung von Erbschaften ab; laut
Max-Planck-Auswertung von Bürgerbriefen wird sie von vielen als Angriff auf die „eigene Lebensleistung“ und
das „Familieneigentum“ empfunden – meist von älteren Männern. Rund 99 Prozent der Firmenerben zahlen
faktisch keine Erbschaftsteuer; nur bei Unternehmenswerten über 26 Mio. Euro greift eine „Bedürfnisprüfung“.
Selbst die Grünen tun sich laut einem im Buch zitierten Gespräch mit Lisa Paus schwer mit dem Thema, weil
es die eigene, oft gutsituierte Klientel betrifft. Friedrichs bietet – anders als Linartas‘ „Unverdiente Ungleichheit“
– bewusst keinen konkreten Reformkatalog, sondern versteht das Buch als Anstoß zu einer „längst
überfälligen Debatte“ (Frankfurter Rundschau) über ein gesellschaftliches Tabuthema.
Kurzzusammenfassung in drei Sätzen
Julia Friedrichs zeigt anhand zahlreicher Porträts von Erbenden, Vererbenden, Familienunternehmern und
dem florierenden „Nachlassgewerbe“, dass Deutschland in eine neue Erbengesellschaft eintritt, in der
binnen eines Jahrzehnts bis zu drei Billionen Euro nahezu unversteuert weitergegeben werden. Sie belegt,
dass Vermögen heute stärker über Herkunft als über Leistung entsteht – begünstigt durch die Abschaffung
der Vermögensteuer 1997 und die weitgehende Erbschaftsteuerfreiheit für Betriebsvermögen seit 2009 –
und dass gerade wohlhabende Erben und die Wirtschaftselite eine stärkere Besteuerung besonders
entschieden ablehnen. Anders als explizit reformorientierte Bücher liefert „Wir Erben“ keinen eigenen
Lösungskatalog, sondern will vor allem das gesellschaftliche Tabu um Erbschaft und Ungleichheit
aufbrechen und eine überfällige politische Debatte anstoßen.
Unverdiente Ungleichheit
Martyna Linartas – Wie der Weg aus der Erbengesellschaft gelingen kann (nominiert für den NDR
Sachbuchpreis 2025) ·
- Ausgangspunkt und Anliegen
Linartas eröffnet das Buch autobiografisch: Sie wuchs in Deutschland in bescheidenen Verhältnissen auf,
während ihre mütterliche Familie in Mexiko zur wirtschaftlichen und politischen Elite zählt. Aus diesem Kontrast
– und der Beobachtung, dass der Vermögens-Gini Deutschlands (etwa 0,83) auf ähnlichem Niveau liegt wie
der Mexikos – entwickelt sie ihre zentrale These: Deutschland versteht sich als Leistungsgesellschaft, ist
faktisch aber eine Erbengesellschaft geworden.
(Erläuterung Gini: Der Gini-Koeffizient ist ein statistisches Maß zur Darstellung von. Er wird meist verwendet, um die Ungleichheit von Einkommen oder Vermögen in einer Gesellschaft zu messen. Der Wert reicht von 0 (völlige Gleichverteilung) bis 1 (totale Ungleichverteilung).)
Für ihre Doktorarbeit interviewte sie Vorstandschefs von
Siemens, BASF, RWE und E.ON (u. a. Joe Kaeser, Martin Brudermüller, Markus Krebber, Leonhard
Birnbaum) zu Ungleichheit, Steuern und der Erbschaftsteuer.
- Das Ausmaß der Vermögensungleichheit
- Während der Einkommens-Gini in Deutschland nach Steuern bei rund 0,3 liegt (vor staatlichem Eingriff
bei 0,5) und im internationalen Mittelfeld rangiert, erreicht der Vermögens-Gini etwa 0,83 – einer der
höchsten Werte unter den Demokratien weltweit. - Mehr als die Hälfte aller Vermögen in Deutschland wird nicht erarbeitet, sondern geerbt oder verschenkt;
bei Milliardenvermögen sind es vier von fünf. 80 Prozent der deutschen Milliardenvermögen gehen auf
Erbschaften zurück, ein Drittel der zugehörigen Unternehmen wurde bereits vor 1914 gegründet. - Die reichste deutsche Dynastie (Boehringer/von Baumbach, Boehringer Ingelheim) verfügt über geschätzt
52–101 Mrd. Euro; ein bis zwei Familien besitzen zusammen mehr als die ärmeren 50 Prozent aller
Deutschen. - Ost-West-Gefälle: Das Median-Vermögen im Westen (127.900 €) ist dreimal so hoch wie im Osten
(43.400 €); 85 % des DDR-Volkseigentums nach der Treuhand-Privatisierung gingen an Westdeutsche,
nur 5 % blieben in ostdeutschem Besitz. - Soziale Mobilität ist laut OECD-Vergleich in Deutschland fast am geringsten (Platz 2 von hinten, nach den
USA).
- Historische Analyse der Erbschaftsteuer
Der zweite Buchteil zeichnet die Geschichte der deutschen Erbschaftsteuer seit der Weimarer Republik nach.
Reichsfinanzminister Matthias Erzberger (katholische Zentrumspartei) etablierte 1919 einen progressiven, rückverteilenden Staat mit Sätzenbis zu 90 Prozent; nach seiner Ermordung 1921 wurde die Steuer rasch wieder abgeschwächt. Über den Ordoliberalismus der Nachkriegszeit (Leitbild „Soziale Marktwirtschaft“, Unterbewertung von Betriebsvermögen
durch Einheitswerte) bis zur Gegenwart zeichnet sich ein durchgehendes Muster ab: Zwischen 1995 und 2016
erklärte das Bundesverfassungsgericht die Erbschaftsteuer dreimal in Teilen für verfassungswidrig – jede
Reform führte jedoch zu neuen Ausnahmen statt zu einer grundsätzlichen Stärkung. Seit 2009 sind
selbstgenutzte Familienheime steuerfrei vererbbar, Betriebsvermögen kann durch Verschonungsregeln
nahezu vollständig von der Steuer befreit werden. Ein zentrales Motiv: Reiche Erben (über 20 Mio. €) zahlen
laut zitierter Berechnung effektiv rund 3 % Erbschaftsteuer, während bei 100.000–200.000 € effektiv 15 %
anfallen – die Grünen brachten daher 2016 eine einheitliche Flat Tax von 15 % ins Gespräch.
- Was die Wirtschaftselite wirklich denkt
Aus den 18 anonymisierten Interviews mit Wirtschaftsbossen ergibt sich ein differenziertes Bild: 80 Prozent
stimmen zu, dass ungleiche Einkommens- und Vermögensverteilung den gesellschaftlichen Zusammenhalt
gefährdet. Fast die Hälfte sieht Steuern grundsätzlich als sinnvolles Instrument zur Reduktion von Ungleichheit
– die Vermögensteuer ist jedoch das mit Abstand unbeliebteste Instrument. Viele Befragte betonen
Bildungsungleichheit und familiäres Umfeld („Wenn Sie kein stimulierendes Umfeld am Abendessenstisch
haben … nützt Ihnen alles Geld nichts“) als Hauptursache, weniger individuelles Versagen. Zugleich hegen sie
tiefes Misstrauen gegenüber dem Staat als „zu groß, ineffektiv, zu langsam“. Linartas kontert dieBildungs-These empirisch: Trotz jahrzehntelanger Bildungsoffensiven konnte die ärmere Bevölkerungshälfte kein Vermögen aufbauen – Bildung allein löst das Problem nicht, u. a. weil kulturelles und soziales Kapital
(Bourdieus „Habitus“) ungleich weitervererbt werden.
- Reformvorschläge: Erbschaftsteuer und Grunderbe
- Kurzfristig: Rückbau der seit den 1990ern eingeführten Ausnahmen und Schlupflöcher, Angleichung an
Kohl-Ära-Sätze (Spitzensteuersatz 56 %), konsequente progressive Ausgestaltung, längere Streckung der
Zahlung (10–15 Jahre) statt Vollbefreiung von Betriebsvermögen. - Denkbar: eine Nachlasssteuer nach US-Vorbild, die zugleich Transparenz über tatsächliche
Erbschaftssummen schafft, sowie ein Bürgerrat zur Ausgestaltung. - Kernvorschlag „Grunderbe“: Jeder junge Erwachsene erhält bei Volljährigkeit ein Startkapital – als
Gegenstück zum privaten Erbe. Ab einer Schwelle von rund 20.000 Euro pro Person würde Ungleichheit
spürbar reduziert; die Kosten dafür werden auf ca. 15 Mrd. Euro jährlich geschätzt (bei jährlich rund 400
Mrd. Euro vererbtem Gesamtvermögen in Deutschland). - Das Grunderbe soll unabhängig vom Elternhaus an alle jungen Erwachsenen ausgezahlt werden und wird
explizit als Ergänzung – nicht Ersatz – zu Kindergrundsicherung, Bildungsinvestitionen und
Sanierungsförderung verstanden.
- Politische Einordnung
Linartas verortet ihre Analyse im Rahmen von Piketty (r > g), Milanovic und dem Konzept wirtschaftlicher
Paradigmen/Narrative als „kultureller Hegemonie“.
(Erläuterung Piketty: r > g besagt, dass die durchschnittliche Rendite auf Kapital (r) historisch meist stärker gewachsen ist als das Wirtschaftswachstum (g).).
Sie diagnostiziert einen historischen Bruch: Während in den
1970er-Jahren rund 80 % der Vermögen selbst erwirtschaftet wurden, dominiert heute „unverdientes“,
geerbtes Einkommen – begünstigt durch den Matthäus-Effekt (wer viel hat, dem wird wenig genommen) und
die Tatsache, dass alte Vermögen schneller wachsen als heutige Löhne. Nur Die Linke, die Grünen und die
SPD thematisieren laut Linartas wirtschaftliche Ungleichheit programmatisch; CDU/CSU, FDP und AfD sparen
das Thema Ungleichheit und Erbschaftsteuer weitgehend aus. Sie sieht zudem einen Zusammenhang
zwischen wirtschaftlicher Verunsicherung und AfD-Wahlerfolgen, ohne AfD-Wählende pauschal als
rechtsextrem zu bezeichnen.
- Kurzzusammenfassung in drei Sätzen
Linartas zeigt anhand von Statistiken, historischer Analyse und Interviews mit der deutschen
Wirtschaftselite, dass Deutschland trotz seines Selbstbilds als Leistungsgesellschaft eine der ungleichsten
Vermögensverteilungen unter den Demokratien aufweist, weil Erbschaften kaum besteuert werden und ihre
Besteuerung seit 1919 systematisch abgeschwächt wurde. Sie argumentiert, dass weder Bildung noch guter
Wille der Wirtschaftselite – die Ungleichheit zwar mehrheitlich als Problem erkennt, Vermögensteuern aber
ablehnt – das Problem lösen können, solange geerbtes Kapital schneller wächst als Arbeitseinkommen. Als
zentrale Lösung schlägt sie eine konsequent progressive Reform der Erbschaftsteuer kombiniert mit einem
staatlich finanzierten „Grunderbe“ für alle jungen Erwachsenen vor, das Vermögensaufbau von unten
ermöglichen und die Erbengesellschaft in eine gerechtere Teilhabegesellschaft verwandeln soll.